Türkische Serien gehen auf globalen Erfolg zu

Der Bekanntheit der türkischen Serien bewegt sich auf der internationalen Bühne auf eine neue Dimension zu. Betrachtet man diese Entwicklung unter sozialen und ökonomischen Gesichtspunkten der Türkei, kann man von großem Erfolg sprechen. Nicht nur seit Netflix kann ein global wachsender Erfolg türkischer Serien beobachtet werden, die in hunderten Sprachen gesehen werden. Seit den 2000ern steht das Konzept Serie im Bewusstsein eines sozialen und wirtschaftlichen Wandels in Verbindung. Die Türkei hat den Serienkult als internationales Sprachrohr und Machtinstrument entdeckt. Denn Medien haben Einfluss auf viele unserer Sichtweisen und Wahrnehmungen und sind damit sogar handlungsrelevant. Was in den Medienwissenschaften längst keine Neuigkeit ist, macht sich die Türkei in vollem Umfang zum Vorteil. Trotz der internationalen Nachfrageexplosion, ist dieser Trend in Deutschland weitgehend unbekannt. Ein Blick in den stillen Serienwahn einer medial aufstrebenden Nation.

Auf Netflix sind türkischer Serien bereits fester Bestandteil des bunten Streaming-Angebots und international feiern sie bereits seit den 2000ern einen ununterbrochenen Siegeszug. Was Börsen mit den Zahlen der Unternehmen machen, macht die MTM (Türkische Medienbeobachtung ) mit den Serien. Sie wertet den Erfolg der Serien aus und präsentiert sie der Öffentlichkeit in Zahlen. Wann ist welche Serie abgestiegen und welche ist aufgestiegen? Welche Serie hat welchen von Platz 1 verdrängt? Schon 2017 gab die türkische Handelskammer bekannt, dass das Exportvolumen türkischer Serien von 2008 bis dahin um 200 auf 300 Millionen Dollar zugelegt hat. Türkische Serien werden in über 150 Länder exportiert und dort in der jeweiligen Sprache gezeigt. In der Türkei hat sich der kommerzielle Erfolg der Serien derart gesteigert, dass man nur noch Zahlen im siebenstelligen Bereich sehen kann. Zumindest was die Einschaltquoten und den Verkaufserfolg der Serien angeht. Dieser Erfolg hat ein neues Kapitel in der Geschichte des türkischen Fernsehens und der Filmproduktion angebrochen.

Dabei steht diese – vielen immer noch unbekannte Entwicklung – im Dreieck von wirtschaftlichem Aufstieg, politischer Stimmungslage und immer weniger, aber trotzdem noch mit nationalem Stolz in Verbindung. International konnten türkische Serien auch in der Netflix-Ära an Zuschauer zulegen. Mindestens 10 Serien sind dort auf Erfolgskurs. Es ist zumeist still um diese Netflix-Produktionen, was aber nicht bedeutet, dass sie nicht gesehen werden. Mehr als 500 Millionen Zuschauer weltweit gucken regelmäßig türkische Serien. Selbst in China ist dieser Hype endgültig angekommen. Und man kann da sogar noch deutlicher werden: Neben den USA gibt es kaum ein anderes Land wie die Türkei, das so viele international erfolgreiche Serien produziert. Und dieser Trend ist zunehmend genreübergreifend. Ich weiß, das klingt vermutlich sehr abgehoben. Und viele denken da zuerst an Spanien. Aber Nope, das ist einfach falsch. Denn in Deutschland ist das Bewusstsein für diese „türkisch dominierte“ Marktentwicklung nicht ganz angekommen, zumal man oft unbewusst auf Netflix herumsurft und da hat man bereits nach ein paar Minuten scrollen schon mindestens 10 Cover von türkischen Serien gesehen (ohne es zu merken). Selbst Griechenland, dessen Beziehung zur Türkei durch eine Reihe von politischen Konflikten vorbelastet ist, kapituliert vor dieser neuen mächtigen Dynastie, das die griechische Bevölkerung betäubt zu haben scheint. Seit dem im Jahr 2005 die erste Pilotvorstellung ” Die Grenzen der Liebe” auf Mega TV lief, scheinen griechische und ebenso russische Medien vom Erfolgskonzept türkischer Produktionen endgültig überzeugt zu sein. Und neben Netflix kämpfen große TV-Konzerne regelrecht um die Austrahlungsrechte vielversprechender türkischer „Blogbuster“

Und wer jetzt denkt, dass die türkische Filmbranche diesen Trend den digitalen Streamingdiensten, allen voran Netflix, zu verdanken hat, liegt darin ebenso falsch wie mit der Annahme, Spanien oder Italien würden mehr Serien produzieren. In der Türkei floriert bereits seit den frühen 2000er eine beachtliche Serienindusrie und die Gelder die dort für Produktion und Vertrieb fließen sind nicht gerade überschaubar. Und dennoch vermarktet die Türkei ihre Serien vergleichsweise günstig. Bedingt durch die Finanzkrise im Jahr 2010 suchten griechische Sender schon damals einen Ausweg um kostspielige Serienproduktionen effizient zu ersetzen. Da kam es gelegen, die günstigen und erfolgreichen Staffelpackete türkischer Produzenten zu kaufen. Auch amerikanische und russische Produktionsunternehmen, darunter die russischen World Studios und die amerikanische Sander/Moses haben sämtliche Remake-Rechte an türkischen Serien erworben. Dieser Erfolg ist nicht dem Zufall zuzuschreiben. Die Ausgaben für die Produktionskosten pro Folge bewegen sich im Millionenbereich. Bis zu 200 Mio. Dollar haben türkische Serien im letzten Jahrzehnt durch den Verkauf erwirtschaftet.

Längst haben Produzenten das politische Potenzial dieser Serien erkannt und nutzen diese, wie damals schon durch Formate wie Tal der Wölfe aus, um sensible Zuschauer zu gewinnen. Auf das politische Bewusstsein und Denken der Türken scheinen Serien immer noch eine magische Wirkung zu haben. Die von 2003 bis 2005 ausgestrahlte Mafiaserie „Tal der Wölfe“ die damals weltweit für Kontroversen sorgte, thematisierte die Machenschaften und Kriege zwischen Staat und Untergrundorganisationen und verzeichnete seit der Erstaustrahlung Rekordquoten. So erfolgreich, dass die Produzenten es wagten mehrere Kinostreifen aus der Serie zu basteln. Protagonist und Superstar dieser international umstrittenen Polit-Serie ist Necati Sasmaz alias Polat Alemdar. Er reist im Auftrag des fiktiven Nachrichtendienstes KGT ( Kamu Güveligi Teskilati) in Länder, in denen Regierungen, ausgelöst durch Attentate oder Interessenkonflikte, mit der Türkei im Klintsch stehen und beseitigt wichtige Köpfe.

Das Konzept der Serie gab Einblicke in den vieldiskutierten tiefen Staat und bediente zugleich den durch politische Ereignisse befeuerten Nationalstolz, in dem die Türkei sich vor einer feindlich gesinnten Welt sieht. Schnell ist Polat Alemdar in dieser Serie in Machenschaften und Intrigen der sich gegenseitig bekämpfenden Mafiabanden verwickelt und steht damit auch im Kreuzfeuer zwischen Regierung und Untergrund. Die Serie hat Millionen von Zuschauern vor die Fernseher gelockt. Die türkische Bevölkerung drückt mit solcherlei Produktionen nicht nur die eigene Haltung zu weltpolitischen Ereignissen aus. Es sind auch klare Signale und Stellungnahmen zu den betreffenden Ereignissen. Das Türkische Fernsehen erhöht seine Ausgaben für Serienproduktionen unaufhaltsam während BBC seine Programinvestitionen erhöht und dennoch an Abonnenten für das Kabelfernsehen verliert.

Auf dem asiatischen Markt konnten sich die USA schon damals nicht so gut wie die Türkei halten. Dazu sind die Produktionen aus der Türkei viel zu günstig und doppelt so erfolgreich. Die Türkei erlaubt sich in der Serienbranche eine ungewöhnliche Investitionslaune. Denn der Erfolg lässt sich leichter abschätzen und die Nachfrage ist groß.

In Deutschland gab es 2015 schon mal durch besondere Umstände einen kleinen Einblick in die türkische Serienkultur. Die Erfolgsserie „Wie die Zeit vergeht“ gehört zu einem weiteren Produkt, das die wachsende Nachfrage an türkischen Serien auch in jüngerer Vergangenheit beweist. Bekannt wurde die Serie in Deutschland deshalb, weil die deutsche Schauspielerin Wilma Elles die Rolle der Caroline spielte. In „ Das prächtige Jahrhundert“ ( Muhtesem Yüzyil) kämpft eine christliche Haremsklavin um die Liebe ihres Sultans. In China ist diese Serie bereits Kult. Bislang wurden 150 Serien in 73 Ländern verkauft. Der große Erfolg türkischer Serien wird sicher fortgesetzt.

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